Twitter-Bye-Bye

Liebes Twitter Netzwerk!

Entschuldige bitte, aber ich werde Dich verlassen. Vielleicht fragst Du „Warum?“, was ich kaum glaube, denn in den fast 11 Jahre, in denen ich Dich mein favorisiertes Social Network genannt habe, ist es mir nicht gelungen eine wirkliche Community aufzubauen, aber trotzdem will ich Dir eine Antwort geben.

Der Anfang

Als ich im Oktober 2018 diesem Netzwerk beitrat, war es sehr spannend und aufregend. Plötzlich war ich noch direkter mit ähnlich denkenden Leuten auf der ganzen Welt verbunden. Mein Fokus lag damals auf Design. Beispielsweise konnte ich eine Frage, wie „Was haltet Ihr von Font XYZ?“ ins Netz rufen und erhielt innerhalb von wenigen Minuten Feedback. Ich kommunizierte mit Kommilitonen, diskutierte mit Designern, zu denen ich aufschaute, gefühlt auf Augenhöhe und war dankbar für den ganzen Input. Glückliche Zeiten!

Irgendwann haben die großen Corps Twitter als Marketing Werkzeug für sich entdeckt, und ich bekam Werbung in meinen Feed gespült. Sei es nun als direkt erkennbarer gesponserter Tweet, oder halt die bezahlte Meinung eines Influencers. Nun gut! Das schmälerte zwar das Vergnügen, aber das war noch überschaubar.

Auch das meine Reichweite nicht weiter stieg, störte, und stört mich immer noch, recht wenig. Klar ist es schade, aber als ich versuchte selbst mehr Inhalte in das Netzwerk zu bringen, erwies es sich als sehr zeitintensiv. Eine Investition, die ich nicht machen mochte.

Verlust der Unschuld

Dennoch war alles noch recht kuschelig. Irgendwann fing es jedoch an, dass ich Horrorstories von Facebook vernahm: Cybermobbing! Esoteriker! Rechte! Noch war ich mir sicher, dass das nicht auf Twitter passieren würde. Was würden die den auch hier wollen. Ist doch viel zu viel Text hier. Und zu intellektuell. Das verstehen die doch überhaupt nicht. Mann, war das naiv.

Es kam, wie es kommen musste: sie kamen! Die Flatearther, die Chemtrailer, die Aluhüte, die Homöopathen und die Rechten! Im Nachhinein betrachtet, hätte es mir von Anfang an klar sein müssen. Und ich denken, ich hätte auch damit besser umgehen können, wenn Twitter damit besser umgegangen wäre.

Es war erst ein Bundesgesetz notwendig, ehe Twitter wirklich einen Meldeprozess einrichtete. Und anstatt diesen niederschwellig zu gestalten, um eine friedliebende und menschenfreundliche Kultur zu fördern, tat Twitter genau das Gegenteil. Anstatt, genauer und kritischer auf den rechten Rand zu schauen, macht Twitter genau das Gegenteil.

Wie oft kam es schon vor, das ein Satire-Account gesperrt wurde, während andere weiterhin gegen Ausländer, Migranten, Geflüchtete und Menschen, die diesen helfen, hetzen dürfen? Genau: zu oft!

Und das ist ja auch noch nicht alles!

Dank Twitter sind Politiker und Publizisten jetzt in der Lage, sich über Aktivisten, die das Wohl unseres Planeten und unserer Spezies im Sinn haben, in absolut unangemessener Art und Weise, jenseits guter Sitten und guten Geschmacks, zu erheben, diese zu diffamieren und sogar lächerlich zu machen. Und das jederzeit! Andererseits hat der Mob die Möglichkeit, zu beleidigen und zu bedrohen. Ebenfalls jederzeit! Und die Justiz gibt sich überfordert.

Das übersteigt auch mein Verständnis. Ich kann aus dem Stegreif bestimmt 100 Profile nennen, die offen rassistisch und menschenverachtend hetzen, aber trotzdem noch weiterhin an Twitter teilhaben dürfen. Warum toleriert das Twitter?

Mir hat sich jedenfalls dieser ganze Abgrund der Menschlichkeit offenbart, und ich mag es mir nicht mehr mit anschauen.

Vor ein paar Tagen zum Beispiel hat ein Publizist doch ernsthaft verlangt, dass eine Staatssekretärin sich gefälligst von ihm als „Göre“ bezeichnen lassen, und das auch als Prädikat ansehen, soll. Anstatt sich zu entschuldigen, nach dem er merkte, dass sie sich nicht geschmeichelt fühlt, bezeichnet er sie quasi als dumm und kulturfremd. Wie erbärmlich ist das, Bitteschön?

Das tut mir nicht gut. Ich rege mich zu schnell über solche unnötigen Scharmützel auf. Aber nicht nur das. Ich stecke in einer sehr engagierten Filterblase, und bekomme ständig die Schrecken der Gesellschaft brühwarm präsentiert. Es lässt mich nicht mehr abschalten. Es geht mir nahe. Und ich kann aber im Prinzip nichts wirksames unternehmen.

Eine Zeit lang habe ich mich eingemischt. Bin Nazis auf Twitter entgegen getreten (wow, voll mutig). Was bringt’s? Nur dass einer so clever war, meinen Namen auf LinkIn zu suchen und mir drohte mich bei meinem Chef anzuschwärzen. Nicht dass ich deswegen etwas zu befürchten hätte, aber es fühlt sich nicht gut an.

Was jetzt?

Meine Zeit in ein Netzwerk zu investieren, dass sich in eine von mir ungewollte Richtung entwickelt, erscheint mir sinnlos. Stattdessen sollte ich sie in etwas eigenes stecken. Wie zum Beispiel dieses Blog. Daher habe ich beschlossen, mir erst einmal eine Pause von Twitter zu gönnen. Keine mobile App, die sich mir anbietet. Lieber die News direkter und ausserhalb der Filterblase konsumieren.

Den Account werde ich nicht aufgeben. Aber nach meiner Pause werde ich ihn nicht mehr für Privates nutzen. Vielleicht werde ich versuchen, lieb gewonnene User für ein anderes Netzwerk zu begeistern. Denn es gibt schon einige, deren Inhalte ich sehr inspirierend fand und die ich regelrecht vermissen werde.

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